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Das Business mit Rezensionen auf Amazon hat mittlerweile eine lange Tradition. Amazon selbst hat dafür gesorgt, dass Rezensionen unverzichtbar sind, um Produkte erfolgreich zu verkaufen. Allerdings hat Amazon es von Anfang an versäumt, Händlern gangbare Wege zu ermöglichen, echte und aussagefähige Rezensionen zu bekommen. Dass im Rahmen von organischen Käufen nur 1-3% der Nutzer eine Rezension abgeben, bedeutet aber, dass Händler andere Wege gehen müssen. Amazon selbst hat mit seinem sehr exklusiven und teuren Tester-Club "Vine" den Startschuss gegeben und schnell haben sich seit 2013 ähnliche Modelle als sogenannte Review-Clubs im Web und auf Facebook etabliert.

Aber auch da hat Amazon es versäumt, das ganze in vernünftige Bahnen zu lenken. Chaotische Anpassungen von verschiedenen Richtlinien für Händler und Rezensenten haben inzwischen dazu geführt, dass kaum jemand noch durchblickt. Gleichzeitig kümmert sich Amazon kaum um diejenigen, die eindeutige Fake-Rezensionen schreiben oder schreiben lassen. Im Gegenteil: Da Amazon es den etablierten Review-Clubs immer schwerer macht - anstatt diesen einen geordneten Weg zu ermöglichen - suchen Händler nach immer neuen Wegen, um die heissbegehrten Rezensionen zu bekommen. Ein absehbares aber inzwischen nun auch in der Praxis genutztes System ist die (von uns so getaufte) "Review-Army".

Review-Army: Gesichtslose Massenaccounts erstellen Fake-Reviews

Das Prinzip der Review-Army ist ganz einfach: Es werden dutzende, hunderte oder sogar tausende von Amazon-Accounts angelegt und zentral gesteuert. Über verschiedene Mechanismen erreicht man, dass diese von Amazon als echte Kunden-Accounts angesehen werden. Das bedeutet: Es werden tatsächliche Bestellungen getätigt, um beispielsweise den erforderlichen Mindestbestellwert zu erreichen, der notwendig ist, damit Produkte rezensiert werden können. Damit Amazon aber nicht bemerkt, dass diese Accounts alle von mehr oder weniger einer Zentrale aus gesteuert werden, wird auf eine Verschleierung der IP-Adressen gesetzt. Denn Amazon ordnet die Accounts anhand der IP-Adressen einander zu. Loggen sich zwei Accounts von der selben IP-Adresse ein, erkennt Amazon diese als "zueinander gehörig" und blockiert gegebenenfalls weitere Aktivitäten. Das kennen viele, die mehrere Amazon-Nutzer in der Familie haben. Selbst da - wenn ohne böse Absicht der selbe PC mit der selben IP-Adresse genutzt wird - kann es vorkommen, dass Amazon die Accounts als "verdächtig" einstuft und Rezensionen untersagt.

Aber zurück zur Review-Army: Diese nutzt genau aus diesem Grund tausende von verschiedenen IP-Adressen, um Amazon vorzugaukeln, dass es sich bei jedem einzelnen Account um einen echten, individuellen Nutzer handelt, der im Review eine echte Kundenmeinung wiedergibt. Tatsächlich handelt sich es sich eine zentral gesteuerte Aktion mit gefakten, meist vom Händler selbst geschriebenen Kundenrezensionen.

Glaubst Du nicht? Wir haben recherchiert und Gespräche mit Leuten geführt, die mit solchen Techniken eine Menge Geld verdienen. Wir haben diese Leute auf internationalen Plattformen getroffen, auf denen sie ihre Dienste anbieten:

Unser Gesprächspartner bietet hier Tausende von Rezensionen pro Monat an. Er nutzt dafür mehr als 15.000 verschiedene Amazon-Accounts.

Unser Gesprächspartner beschreibt hier, dass er verschleierte Identitäten benutzt. Er reagiert sogar etwas pikiert, als wir danach fragen und antwortet: "Kümmert Euch nicht darum - wir sind Profis!". Weiterhin schreibt er, dass er durch diese Technik jede beliebige Länderzugehörigkeit für die Accounts simulieren kann. Rezensionen für deutsche Produkte können danach als auch scheinbar aus Deutschland kommen.

Review-Army: Günstiger geht es nicht

Bleibt natürlich noch die Frage: Was kostet der Spass?

Der Service ist preiswert mit 5 Dollar pro Review. Wir konnten ihn sogar im Verlauf auch auf 4 Dollar herunterhandeln:-) Und es gibt sogar eine Garantie: Wenn eine Rezension innerhalb von 30 Tagen nach Veröffentlichung wieder von Amazon gelöscht wird, gibt es kostenlosen Ersatz. Klingt grossartig:-)

Der oben dargestellte Dialog ist nur eines von mehreren Beispielen, die wir geführt haben. Es gibt etliche Teams, die solche Dienste anbieten. Die Technik ist bei allen die gleiche:

  • Tausende von Amazon Accounts
  • Verschleierung der Identität via IP Rotation oder VPN

Man kann bei diesen Leuten praktisch alles kaufen - wer will, bekommt auch 1-Sterne-Rezensionen für die Konkurrenz.

Was für Profile nutzt die Review-Army?

Wir haben aus den Aussagen und Screenshots, die wir von den Anbietern erhalten haben, Rückschlüsse auf die Profile ziehen können. Es handelt sich tatsächlich um wenig auffällige, "normal" aussehende Profile, die oft auch nur wenige Rezensionen posten.

Man erkennt, dass mit diesem Profil lediglich 2 Rezensionen erstellt wurden. Nur am Rande: Es wurde auch ein Produkt auf die "Wunschliste" genommen - dies wird auch als Service für die Amazon Produktoptimierung angeboten.

Lustig ist ein Blick auf eines der Produkte, die mit diesem Account mit 5 Sternen bewertet wurden:

 

Das hier für "GREAT" befundene Produkt ist offenbar der allergrößte Schrott. Die überwiegende Anzahl der Nutzer hat dem Produkt einen Stern gegeben. Im Zeitverlauf ist die 5-Sterne-Rezension als eine der ersten Rezensionen zu diesem Produkt gepostet worden. Das bedeutet, der Händler hat diese Rezension gekauft und damit das Produkt gut auf Amazon aussehen lassen. Fast alle Kunden, die das Produkt in der Folge gekauft haben, waren massiv enttäuscht. Schade.

Ein ähnliches Produkt ist übrigens dieses hier:

Review-Army - unser Fazit

Das Vorgehen mit einer Review Army aus tausenden von Fake-Accounts und das posten von selbstgeschriebenen Fake-Rezensionen scheint ein echtes Business bei Amazon zu sein und sicherlich noch weiter zu werden. Gerade skrupellose Händler werden es immer mehr nutzen, um irgendwelchen billigen Schrott auf den Markt zu werfen und diesen so lange zu verkaufen, bis durch echte Rezensionen der gekaufte Ruf ruiniert ist - dann springt man vermutlich weiter zum nächsten Produkt.

Amazon müht sich vermutlich, solche Services abzustellen, aber wie auch in der Vergangenheit wird dabei vermutlich wenig bei rauskommen. Dafür ist die Technik auch einfach zu gut und letztendlich ist es Amazon wohl auch mehr oder weniger egal - solange der Umsatz stimmt.