Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv
 

Seit es die neuen Richtlinien bei Amazon zur Erstellung einer Produktbewertung gibt, herrscht bezüglich vieler Fragestellungen große Unsicherheit. Amazon hat sich mehr nebulös als konkret geäußert und dann ein paar Tage später auch noch etliche Rezensionen von seiner Plattform entfernt (Zum Beitrag: Amazon löscht Rezensionen im großen Stil).

Interessanterweise hat sich als ein wichtiger Knackpunkt nun die Frage nach der Kennzeichnungspflicht der Rezension als "Produkttest" herauskristallisiert. Nicht weil Amazon soviel Wert darauf läge, sondern weil Reviewer und Seller offenbar dazu viel Unsicherheit haben. Dazu mal Butter bei die Fische!

Die allgemeine Verunsicherung beruht offenbar auf folgenden Annahmen, Gerüchten und (Fehl-)Informationen, die ich dauernd zu hören/lesen kriege:

  • Amazon löscht alle Rezensionen mit dieser Kennzeichnung
  • Amazon verbietet eine solche Kennzeichnung
  • Eine solche Kennzeichnung ist gar nicht mehr nötig

Wer dabei ein- bis dreimal "Ja, stimmt doch!" gedacht hat, der hat offenbar wenig Ahnung von den tatsächlichen Rahmenbedingungen, denn alle drei Aussagen sind nicht korrekt. Zentrale Frage dabei ist: 

  • Wer legt eigentlich fest, ob eine Rezension gekennzeichnet werden muss als "Produkttest" oder ähnlich?

Mögliche Antworten:

  • Der Verfasser der Rezension, also der Tester.
  • Der Seller, also der Bereitsteller des Produktes.
  • Der Betreiber einer möglichen Review-Plattform, also z.B. Testberichte.reviews.
  • Amazon.de, also zum Beispiel Amazon.de

Wer hier auch nur einmal "Ja" gedacht hat, ist weiterhin schief gewickelt. Die richtige Antwort ist: Das deutsche Wettbewerbsrecht. Und da heisst es im Anhang zu §3:

"unzulässige geschäftliche Handlungen sind (...) der vom Unternehmer finanzierte Einsatz redaktioneller Inhalte zu Zwecken der Verkaufsförderung, ohne dass sich dieser Zusammenhang aus dem Inhalt oder aus der Art der optischen oder akustischen Darstellung eindeutig ergibt (als Information getarnte Werbung);"

..oder in §5: "Unlauter handelt wer im konkreten Fall unter Berücksichtigung aller Umstände dem Verbraucher eine wesentliche Information vorenthält (...). Als Vorenthalten gilt auch (...) das Verheimlichen wesentlicher Informationen."

So. Und was sagen jetzt all jene, die behaupten, dass eine Kennzeichnung NICHT nötig wäre?

Man könnte sagen: "Ja, aber Amazon will ja nicht, dass...." oder "Amazon verbietet, dass...." - EGAL! Amazon hat sich ebenfalls an das deutsche Recht zu halten und kann eine solche Kennzeichnung nicht verbieten. Abgesehen davon hat Amazon eine solche Aussage nie getätigt, weder in den aktuellen Richtlinien, noch in den "Ergänzungen" dazu (Zum Beitrag: Neue Amazon-TOS: Aktueller Stand). Andere Behauptungen entbehren jeder Grundlage.

Zurück zum Thema: Ist eine Kennzeichnung nötig oder nicht? Letztendlich bleibt für mich die Frage auch aus dem Wettbewerbsrecht her nicht eindeutig geklärt. Aber dafür gibt es ja Fachleute: Ich habe dazu bereits im Oktober 2016 eine Rechtsanwältin beauftragt. Ohne auf Details einzugehen, sei hier nur der Abschluss-Satz aus der Beurteilung der Fachanwältin für Wettbewerbsrecht zitiert:

"Ich bedauere sehr, Ihnen keine eindeutige Antwort zukommen lassen zu können. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Rechtsprechung in dieser Thematik entscheiden wird."

Fakt ist, dass es dazu kein passendes Urteil und keine Vergleichsfälle gibt, die sich eindeutig auf die aktuelle Situation anwenden lassen. Meines Wissens nach auch keine "anhängigen Verfahren". Das bedeutet nicht, dass eine Kennzeichnung unbedingt erforderlich ist, aber gleichfalls bedeutet es auch nicht, dass keine Kennzeichnungspflicht besteht.

Zwischenfazit: Aktuell ist nicht geklärt, OB eine Kennzeichnung notwendig ist, WO diese Kennzeichnung stehen müsste und WIE diese Kennzeichnung genau aussehen müsste.

Verwirrung... was ist denn jetzt erlaubt?

Um uns etwas Sicherheit für die aktuelle Situation zu holen, macht es Sinn, sich darauf zu besinnen, was erlaubt ist. Das ist aus meiner Sicht eindeutig:

  • Für Seller: Die Vergabe von Produkt-Coupons an Nutzer, sofern diese nicht vorher anhand ihres Amazon-Profiles beurteilt werden und sofern auch keine Verpflichtung zu einer Rezension auf Amazon besteht. Amazon schreibt dazu in den aktuellen Richtlinien zur Erstellung von Produktbewertungen: "Sie können Rabatte anbieten, die generell für alle Kunden verfügbar sind". Eine Verpflichtung zur Rezension auf einer anderen Plattform ist kein Problem - dann gilt aber in jedem Fall dort die Kennzeichungspflicht!
  • Für Amazon-Kunden: Die Bewertung eines Produktes auf Amazon, sofern man von Amazon eine Email bekommen hat, in der man befragt wird, man zufrieden war und ein link zur Produktbewertung enthalten ist. Ist üblicherweise bei ALLEN Käufen (also auch Coupons) der Fall. Ob eine Kennzeichnungspflicht besteht, ist nicht klar.
  • Für Amazon-Kunden: Bewertung von Produkten auf Amazon, die man nicht dort gekauft hat. Aus meiner Sicht aktuell mindestens 5x pro Woche erlaubt: Amazon begrenzt "nicht-verifzierte" Rezensionen
  • Für Seller: Empfänger der Coupons nach Kauf des Produktes um eine Rezension auf Amazon zu bitten (ohne deren Vorhandensein oder deren Inhalte zu kontrollieren oder zu beeinflussen!), sofern die Nutzer vorher im Rahmen der Marketing-Aktion einem entsprechenden Vorgehen zugestimmt haben.

Daher ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt problemlos möglich, Produkt-Launches durchzuführen und Produkte mit variablem Rabatt unters Volk zu bringen. Wie bereits hier beschrieben... zum Beitrag: Amazon Review Clubs: Das läuft in USA, wird diese Praxis auch weiterhin den USA fröhlich geübt - und dort gibt es die neuen Richtlinien ja bereits seit Anfang Oktober.

Für Seller: Droht Strafe von Amazon?

Mir ist kein Fall bekannt, in denen ein Seller dafür bestraft worden wäre, dass er Coupons an Nutzer vergibt und diese dann das Produkt kaufen und bewerten.

P.S.: Selbstverständlich stellt dieser Artikel lediglich meine persönliche Meinung dar!